Rolle rückwärts?

Warum der Ausstieg aus dem Berufsleben Konfliktpotenzial bietet

Autorin: Regina Karnapp

Dieser Text ist ursprünglich im Fachmagazin “m&k – Die kreativen Seiten der Wirtschaft” erschienen.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Das Buch von Richard David Precht hat es nicht zuletzt wegen seines prägnanten Titels zu Erfolg gebracht. Wie viele bin ich? Die Frage klingt für Menschen, die nicht gerade an einer gespaltenen Persönlichkeit leiden, zunächst absurd. Das ist sie aber nicht. Je nach dem Kontext, in dem wir uns bewegen, durchschreitet jeder von uns tagtäglich mehrere Versionen seines „Ich“ – abhängig von der jeweiligen Rolle, die der Kontext erfordert: Morgens Mutter, die die Kinder in die Schule schickt, vormittags Mitglied eines Teams im Business, nachmittags Trainerin im Sportverein etc..

In jeder dieser Rollen verhalten wir uns unterschiedlich, weil jeweils spezifische Erwartungen und Ansprüche mit den Rollen verbunden sind – und wir kommunizieren auch anders. Als Mutter und Trainerin sind im Alltag vielleicht klare Ansagen gefordert, als Teammitglied im Business ist Kommunikation auf Augenhöhe gefragt.

Mit jeder neuen Rolle lernen wir, welche spezifischen Erwartungen wir darin erfüllen müssen und können, und sind im Normalfall in der Lage, problemlos die Rollen zu wechseln – wenn sie klar definiert und voneinander abgegrenzt sind.

Wenn der Vater mit der Tochter spricht - und die Geschäftsführerin antwortet

Schwierig wird es aber oft, wenn keine Trennschärfe zwischen den Rollen besteht. Ein typisches Beispiel dafür sind Familienunternehmen: Der Firmenchef ist auch der Familienvater, ist auch der Eigentümer des Unternehmens. Andere Familienmitglieder befinden sich oft ebenfalls in Doppel- oder gar Dreifachrollen im selben Umfeld. In der Forschung zu Familienunternehmen spricht man vom Dreikreismodell – Eigentümerschaft, Familie, Unternehmen. Alle drei Kreise und die damit einhergehenden Rollen sind eng miteinander verwoben – und teils auch widersprüchlich: Insbesondere, wenn Generationenwechsel anstehen, kommt es oft zu rollenbedingten Konflikten. Übernimmt z.B. die Tochter die Geschäftsführung im Unternehmen, so bleibt sie trotzdem in der Familie die Tochter. Werden die Rollen in ihren unterschiedlichen Kontexten (oder Kreisen) vermischt, so kann es passieren, dass der Familienvater mit seiner Tochter spricht und diese als Geschäftsführerin antwortet – eine kommunikations-Situation, die prädestiniert ist für Missverständnisse und Konflikte.

Auch jenseits von Familienunternehmen kommt dieses Rollenmodell zum Tragen, etwa wenn Menschen, die in ihrem Beruf aufgehen und darin ihre Erfüllung finden, in den Ruhestand gehen: Sie müssen sich von ihrer Business-Rolle trennen – und das ist nicht leicht.

Was heißt das? Eine Rolle aufzugeben, bedeutet zunächst, dass der Sinn und die Erfüllung, oft auch die Anerkennung, die mit der Rolle einhergingen, wegfallen. Um damit gut umgehen zu können, hilft es, sich bewusst zu machen, dass es hier um den Wegfall einer, aber eben nur einer von vielen Rollen geht, und sich bewusst zu überlegen, wie diese Leerstelle gefüllt werden kann.    

Äußere und innere Konflikte

Fehlen dieser bewusste Abschied von der beruflichen Rolle und das Füllen der entstehenden Leerstelle, so kann es nicht nur zu inneren Herausforderungen (Gefühl der Leere und des „nicht mehr gebraucht“-Werdens) sondern auch zu äußeren Konflikten kommen: durch das Übertragen der ehemaligen beruflichen Rolle und der entsprechenden Verhaltens- und Kommunikationsmuster in den privaten Kontext.

Eine ebenso wahre wie humorvolle Auseinandersetzung mit dem Thema ist der Loriot-Klassiker „Papa ante portas“. Der Einkaufsdirektor Heinrich Lohse geht mit 59 Jahren in Frührente und bringt zu Hause das Familienleben ins Wanken, weil er sein bisheriges Geschäftsgebaren im familiären Kontext auslebt.  Erst als er den Einkaufsdirektor ablegen und einfach Familienvater sein kann, findet die Familie wieder auf einer Kommunikationsebene zusammen.

Ein Happy End, das nicht selbstverständlich ist – für das man aber etwas tun kann. Sich des Problems bewusst werden und es als Herausforderung anerkennen, ist der erste Schritt. Für die weiteren Schritte kann es sinnvoll sein, sich eine Begleitung auf dem Weg in die neuen Rollen des eigenen Lebens zu suchen. Abschied ist immer auch ein Neuanfang. Der Abschied von der Berufsrolle lässt dabei besonders viel Spielraum für Gestaltung – was für eine tolle Chance!