Für die Mediatorinnen und Mediatoren von M43 war Simone Pöhlmann eine prägende Ausbilderin. Die Anwältin gehört zu den Wegbereiterinnen der Mediation in Deutschland. Als sie in den 1990er-Jahren damit begann, musste sie den Menschen oft erst erklären. worum es dabei überhaupt geht. Wir haben sie in Schwabing zum Tee getroffen (zum ersten Teil hier).
Frau Pöhlmann, gibt es nach all den Jahren noch etwas, das Sie in einer Mediation überrascht?
Eigentlich nicht, ich habe so gut wie alles erlebt. Einmal führte ich eine Mediation mit zwei gehörlosen Menschen durch, doch der Gebärdendolmetscher erschien versehentlich nicht. Wir haben uns schlicht einen Zettel genommen und alles aufgeschrieben. Es hat funktioniert.
Das sind sicher Momente, die Sie als Mediatorin emotional berühren.
Ja, diese Arbeit ist ein großes Geschenk. Einmal vermittelte ich zwischen zwei Führungskräften. Einer von ihnen fühlte sich zutiefst verraten. Als ich im Einzelgespräch vorsichtig ansprach, dass Thema Verrat liege womöglich viel tiefer, brach er in Tränen aus. Ich schlug ihm vor, dieser Erschütterung außerhalb der Mediation nachzugehen. Das war der eigentliche Wendepunkt, später konnten sich die beiden verzeihen. Das ging natürlich nur, weil beide bereit waren, daran zu arbeiten.
Kränkungen und Verletzungen spielen also auch in der Wirtschaft eine große Rolle?
Nicht immer so dramatisch, aber ja: Das war eine Wirtschaftsmediation, und am Ende was das Menschliche entscheidend. Manchmal kommen Dinge zur Sprache, die lange verborgen waren und hinter denen viel Kummer steckt. Das Ausmaß an Kummer, das ich in diesen drei Jahrzehnten erlebt habe, ist immens. Und ich frage mich, muss das wirklich so sein? Ich helfe den Beteiligten dabei, diesen Dingen im geschützten Rahmen Raum zu geben. Deshalb habe ich vor vielen Jahren auch die Streitschule ins Leben gerufen, um meine Erfahrungen weiterzugeben und Menschen beim Erlernen von Konfliktkompetenz zu helfen.
Heutzutage wird viel über Achtsamkeit und Selbstoptimierung gesprochen. Beschäftigen wir uns zu sehr mit uns selbst und vergessen dabei, auch die Perspektive unserer Mitmenschen zu sehen?
Diese Frage treibt mich schon lange um. Vor Jahren las ich einen Zeitungsartikel „Hoppla, jetzt komm ich!“, den ich nie vergessen habe. Natürlich ist Klarheit über die eigenen Gefühle wichtig. Doch die Frage ist doch: Stehen eigene Befindlichkeiten in einem gesunden Verhältnis zur Realität und zum Miteinander? Wenn das eigene Ich ständig im Vordergrund steht, verliert man die Mitmenschen leicht aus den Augen.
Was ist mit Menschen, denen in einer Mediation die Worte für ihre Gefühle und Bedürfnisse fehlen?
Ihnen dabei zu helfen, ist meine Kernaufgabe als Mediatorin. Die meisten Menschen, die zu mir kommen, können das zu Beginn einfach nicht.
Wer sprachlich besonders versiert ist, hat womöglich auch besonders viele Möglichkeiten auszuweichen. Hält das Menschen davon ab, sich auf Mediation einzulassen?
Ich glaube, viele haben Angst, am Ende den Kürzeren zu ziehen oder mit dem eigenen Verhalten konfrontiert zu werden. Und sie fürchten, sich vor dem Mediator offenlegen zu müssen, gewissermaßen ertappt zu werden. Aber als Mediatorinnen und Mediatoren wollen wir niemanden überführen, wir stehen immer allparteilich an der Seite aller Beteiligten.
Auch in der Wirtschaft menschelt es, überall gibt es offenen oder latenten Streit. Zudem befinden sich Unternehmen heute oft in fortwährender Veränderung. Braucht es neben einzelnen Mediationen eine kontinuierliche mediative Begleitung von Veränderung?
Ich halte das für einen zukunftsweisenden Ansatz. Ein Bauherr erzählte mir neulich von einer langjährigen Museumssanierung, bei der die Koordination extrem schwierig war und Zusagen selten eingehalten wurden. Gerade in solch komplexen Arbeitswelten reichen übliche Steuerungsmethoden nicht mehr aus. Es braucht eine agile Begleitung, die wie eine präventive Mediation wirkt: Eine Person, die nicht das operative Geschäft steuert, sondern das Mandat hat, das Miteinander im Blick zu behalten, zwischen unterschiedlichen Perspektiven übersetzt und Missverständnisse frühzeitig ausräumt. Für agile Prozessbegleiter und Projektmanager sind Mediationskompetenzen daher eine Schlüsselqualifikation.
„Ich frage: Was ist dein eigener Anteil an dem Konflikt?“
Arbeiten Sie auch mit künstlicher Intelligenz?
Für vieles in der digitalen Welt bin ich zu weit weg. Aber bei einer verzwickten Mediation zur Nutzung eines Ferienhauses habe ich den Fall erst neulich ChatGPT geschildert. Die Antwort war, dass die Rechtslage unklar sei und ein Gericht nach Ermessen so oder so entscheiden könne. Möglicherweise hatten die Parteien das selbst geahnt und deshalb auf eine Klage verzichtet. Sie fanden dann gemeinsam eine gute Lösung in der Mediation.
Könnten Menschen durch KI künftig generell anders vorbereitet in eine Mediation kommen?
Bei der Vorarbeit und Informationsbeschaffung kann KI durchaus unterstützen. Der eigentliche Konflikt bleibt jedoch bestehen und lässt sich mit KI vermutlich nicht lösen. Dabei hilft die Begleitung durch einen kreativen Prozess. Eine Lösung müssen Menschen selbst entwickeln, damit sie auf Dauer tragfähig ist. Wenn klar ist, worum es ihnen wirklich geht, kann dieser Weg sogar eine echte Freude sein.
Konflikte sind oft hoch belastend. Welche Rolle können Leichtigkeit und Humor in einer Mediation spielen?
Ich bin ein von Natur aus eher leichtfüßiger Mensch, achte aber schon auf den richtigen Zeitpunkt für Humor. Wenn eine lustig gemeinte Bemerkung mal daneben geht, spreche ich das sofort offen an und nehme sie auch zurück. Oft entsteht genau dadurch Raum für ein gemeinsames Lachen, was unglaublich befreiend wirken kann.
Wie werden wir im Alltag kooperationsfähiger?
Kooperation funktioniert erst dann, wenn Menschen ihren eigenen Nutzen darin erkennen. Wir alle haben unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen, was völlig legitim ist. Eine Mediation wird in dem Moment attraktiv, in dem man spürt, dass sie inneren Frieden, Entlastung oder neue Energie bringt. So habe ich Mediation immer vermittelt: als Einladung, den alten Ballast hinter sich zu lassen und Kraft für das wirklich Wichtige zu gewinnen.
Nicht in jedem Konflikt ist eine Mediation möglich. Was sagen Sie Menschen, die in einer Beziehung oder an einem Arbeitsplatz feststecken, der ihnen nicht guttut?
Zunächst muss ich die Situation verstehen. Dann fordere ich Selbstreflexion ein und frage auch: Was ist dein eigener Anteil an dem Konflikt? Das bedeutet auch zu erkennen, wo man etwas mit sich machen lässt, auch weil man vielleicht gerade keine Alternative sieht. Im nächsten Schritt geht es um die realen Optionen. Ich kenne das aus meinem eigenen Leben: Einen großen Konflikt konnte ich nicht lösen, weil die andere Seite nicht wollte. Nachdem ich die Situation und meinen Anteil verstanden hatte, konnte ich den Konflikt schließlich loslassen.
Ist Selbstreflexion also ein Baustein auf dem Weg zum Glück?
Für ein glückhaftes Leben braucht nach meiner Erfahrung vor allem drei Dinge: Erstens die Fähigkeit und den Willen, sich selbst ehrlich zu hinterfragen. Das kann man lernen. Zweitens das Bewusstsein dafür, wie viele Entscheidungen wir täglich selbst in der Hand haben. Und drittens genauso wichtig ist mir der Gedanke, dass das Leben von sich aus keinen fertigen Sinn mitbringt. Wir selbst schenken ihm Sinn durch unser tägliches Handeln: indem wir für unsere Mitmenschen da sind, Beziehungen pflegen und uns um Dinge kümmern. Sinn entsteht genau in diesem Tun.
Interview: Mathias Junkert
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Text auf gendergerechte Sprachformen verzichtet; sämtliche Personenbezeichnungen gelten selbstverständlich gleichermaßen für alle Geschlechter.
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