Für die Mediatorinnen und Mediatoren von M43 war Simone Pöhlmann eine prägende Ausbilderin. Die Anwältin gehört zu den Wegbereiterinnen der Mediation in Deutschland. Als sie in den 1990er-Jahren damit begann, musste sie den Menschen oft erst erklären, worum es dabei überhaupt geht. Wir haben sie in Schwabing zum Tee getroffen.
Interview: Mathias Junkert
Frau Pöhlmann, Sie haben die Mediation in Deutschland früh mitgeprägt. Wie reagierten die Leute, als Sie mit diesem damals neuen Ansatz ankamen?
Mitte der 90er-Jahre habe ich angefangen, Vorträge über Mediation zu halten. Viele reagierten erst einmal skeptisch bis abwehrend. Und fast jedes Mal war jemand dabei, der Mediation mit Meditieren verwechselte und eine Gymnastikmatte mitbrachte.
Aber entmutigen ließen Sie sich nicht?
Nein, denn ich war – und bin – zutiefst überzeugt: Mediation ist genau das, was die Welt braucht. Ich muss allerdings dazusagen, dass ich es mir dank meiner anwaltlichen Tätigkeit leisten konnte, damit nicht sofort Geld verdienen zu müssen.
Wie lange dauerte es, bis sie mit den ersten Klienten loslegen konnten?
Mediationen bei Trennung und Scheidung liefen relativ schnell an. Über lange Zeit war das mein Schwerpunkt. Wirtschaftsmediation kam erst deutlich später auf. Meine eigene Ausbildungszeit um 1994 war noch ziemlich rudimentär. Ich habe mich dann fortlaufend weitergebildet, oft bei Persönlichkeiten, die sehr philosophisch geprägt waren. Die heutige Ausbildung von Mediatorinnen und Mediatoren stehen auf viel breiterem Fundament.
Bei dem Wort Mediation schrecken ja manche immer noch zurück. Was macht die Mediation für Sie aus?
Im Kern geht es darum, Menschen in festgefahrenen Konflikten einen Raum der Wertschätzung und des Kontakts zu bieten. Man hilft den Beteiligten, sich wieder gegenseitig zuzuhören und herauszuarbeiten, was sie wirklich brauchen, um ins Gespräch zu kommen. Als Mediatorin stehe ich dabei nicht einfach neutral zwischen den Stühlen. Ich übersetze aktiv auf beiden Seiten.
Was haben Sie in den ersten Jahren über Mediation gelernt?
Dass die Menschen wirklich wollen müssen, sonst funktioniert es nicht. Diese Haltung fordere ich auch konsequent ein. Es reicht nicht, eine Mediation zu suchen, nur weil sie billiger oder schneller als ein Gerichtsverfahren ist. Wenn Paare nicht bereit sind mitzuarbeiten, sage ich klar: Wenn sie ihren Streit weiter auf dem Rücken ihrer Kinder austragen wollen, dann ohne mich.
„Es ist nicht einfach, sich vom Rechthaben zu verabschieden.“
Viele Menschen interessieren sich für Mediation. Sich im eigenen Konflikt darauf einzulassen, ist aber noch einmal etwas anderes.
Es ist nicht einfach, sich vom Rechthaben zu verabschieden. Ich muss Positionen aufgeben und eigene Forderungen loslassen. Dafür bekomme ich aber etwas viel Wertvolleres: Verständnis, Klärung, Versöhnung und sogar echten Frieden. Vor 30 Jahren konnten sich viele nicht vorstellen, wie das funktionieren soll: Der eine will das, der andere etwas anderes, und nun? Dass man auf eine ganz andere Ebene gehen kann, hin zu den wahren Bedürfnissen und Interessen der Menschen, konnten sich die meisten nicht vorstellen. Auch ich finde diesen Prozess bis heute faszinierend.
Erinnern Sie sich an einen besonderen Moment, in dem aus Konfrontation Zusammenarbeit wurde?
Ich erinnere mich an ein Ehepaar, das 40 Jahre lang verheiratet war. Die beiden hassten sich, man kann es nicht anders sagen. Sie sagten sich zur Begrüßung nicht einmal Guten Tag und siezten sich. Da sie wohlhabend waren und viele Immobilien besaßen, dauerte es lange, alle Unterlagen für die Gütertrennung zusammenzutragen. Sie kamen entsprechend oft zu mir. Ich habe immer wieder versucht, Brücken für ein besseres gegenseitiges Verständnis zu bauen. Trennen wollten sie sich weiterhin, aber der Hass wurde mit der Zeit spürbar weniger. Beim vorletzten Termin geschah das Unerwartete: Die Frau kam herein und begrüßte ihren Mann plötzlich mit Vornamen, woraufhin er ebenso reagierte. Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Ab diesem Moment verhandelten sie auf eine völlig neue Art. Es ging ihnen sichtbar besser miteinander. Aus Hass und Leid war etwas Neues gewachsen.
Wodurch wurde diese Veränderung möglich?
Der Königsweg heißt aktives Zuhören. Das bedeutet, wirklich zu verstehen, statt nur die nächste Antwort oder Gegenfrage vorzubereiten. Man lässt sich auf sein Gegenüber ein, stellt eigene Bewertungen zurück und signalisiert dem anderen, was angekommen ist. Wenn der Mediator dabei hilft und beiden Seiten unvoreingenommen begegnet, erkennen die Parteien oft, dass beide Perspektiven es wert sind, gehört zu werden.
Teil 2 des Interviews lesen Sie hier in der kommenden Woche.